Jennifer Baumeister

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Regieanweisung für eine störungsfreie Rede: Arbeitsgeräusche im Hintergrund = Neuronales Rauschen der Hirnströme und Botenstoffe, elektronisches Säuseln des Bild[sic!]-Schirms, der ein eingefrorenes Porträt der Künstlerin als Meduse zeigt. EEG-Verkabelungen an einer Deleuzeschen Wunschmaschine, serotoninbefeuert. Die Künstlerin als Schnittstelle, der Künstlerkopf als Ein- und Ausgang. Fehlstarts und Kurzschlüsse im Publikum, flatliner in Zeiten von flatrates.

Keine Blumen, keine Tiere. Keine Rede, zumindest keine, die sich auf dem redundanten Parkett im kunsthistorischen Raum bewegt. Verlassen wir diesen Raum auf einer Höllerschen Rutschbahn - besser noch: betreten wir ihn gar nicht erst. Keine Rede, keine Kunstgeschichte. Lässt sich doch ohnehin nur definieren, was keine Geschichte hat. Betreiben wir andere, a-historische Wissenschaften - negative Dialektiken - eine negative Botanik und eine Zoologie des Fehlenden. Oder machen wir die Kunstwissenschaft zur Magd der "Natur" - Wissenschaften. Und fragen wir besser nicht nach dem Status der Prekarität des Künstlers im Zeitalter seiner (bio-) technischen Reproduzierbarkeit und gesellschaftspolitischen Reduzierbarkeit.Was wäre die abendländische Malerei oder dramatischer gefragt: (weil ärger vom Gedankenexperiment betroffen) was bliebe noch der europäischen Kunstgeschichte, ihrem kritischen Betrieb und den Verfassern ihrer Betriebsanleitungen ohne Tiere und Blumen? Ohne Höhlenmalerei und Stilleben, ohne Jagdszenen und Damien Hirsts Aspik-Hai - oder war es ein Delphin? Wie auch immer: Aspik, dazu gibt es Bezüge im Werk der Künstlerin. Das war der denkbar und denkerisch schnellste Durchmarsch durch die Kunstgeschichte von Lascaux bis London, den man heutzutage bekommen kann.Galerien voller Gammelfleisch: Bilder die ihr Verfallsdatum eingeschrieben haben mit jedem Pinselstrich und es nie erreichen, weil sie keine Gegenwart haben und ohne eigene Geschichte auskommen wollen. Bilder, die vergehen!Von einem Gedankenexperiment war die Rede. Wir müssen keine Vermutungen anstellen, haben wir doch den geglückten Ausgang des Versuches vor uns und können ihn hier begutachten. Jennifer Baumeister erlaubt einen Blick auf ihre Versuchsanordnung: Was bleibt, sind Menschenbilder.Die Malerei ist vielleicht älter als der Mensch. Der Mensch steht aber schon immer im Mittelpunkt und am Anfang der Baumeisterschen Malerei. Verzichterklärung oder programmatischer Aufbruch?Der Mensch wird wieder in den Mittelpunkt gerückt, während die Geistes- und Sozialwissenschaften ihn ausbürgern und ihren Restbestand an Humankapital auslagern, hält er hier wieder Einzug.In Zeiten von Bilderverboten wird hier die Pflicht zum Abbilden laut verkündet, während anderswo der diskursive Streit zur Karikatur verkommt, wird hier die semiotische Wiedervereinigung/Einheit gefeiert. Du sollst Dir ein Bild machen von Dir!Was wird dargestellt: Der Einzelne und sein je Eigentliches: Sein Schicksal - immer das Gefährdungspotenzial der gesamten Gesellschaft wiederspiegelnd - sind es doch längst keine naturhafte Bedrängnisse mehr, sondern Risiken einer 2. Natur, einer eben menschlichen. Traumata, die von Menschen verursacht und erduldet, veranlasst und ertragen werden. Auch hier eine De - Naturalisierungsbewegung, die zunächst einmal gedanklich gefasst werden muss. Wie eine Kritikerin schreibt: "Indem Jennifer Baumeister sowohl stimulierende als auch provozierende, ernsthafte sowie humorvolle Werke schafft, die das Paradoxe des Lebens zu Beginn des 21. Jahrhunderts untersuchen, lädt sie ihr Publikum ein, die Welt zu erfahren, über sie nachzudenken und sich mit ihr auseinanderzusetzen." (Rebekah Guthrie, London 2005)Aber es ist gerade die Leistung von Jennifer Baumeister, aufzuzeigen, dass es sich um eine ontologische Paradoxie handelt - oder besser: Das Prekäre - der Ausdruck wird ja leider dieser Tage diskreditiert und prekär - der menschlichen Existenz ist paradoxial ontologisch: Es handelt sich nicht um Auswüchse einer neuzeitlichen Entfremdungskultur, die ihre Entsprechung wie ihre Zuspitzung immer erst in ihrer medialen Vermittlung erfahren. Genauso wenig sollte man Zuflucht in einer De-Ontologisierung suchen und von Archetypik und Existenzialität raunen. Das Leiden ist je einzig und unteilbar. Aber es ist verstehbar geworden, darin besteht der magische Zugriff. Dem Erleben wird nicht um den Preis des Miterlebens etwas von der Besonderheit genommen.Es sind dies zwei "Leistungen" von Jennifer Baumeister: Die denkerische der Übersetzung des Eigensinns in das Kollektive.Und die künstlerische der Rückübersetzung ins Personelle der malerischen Gestaltung.Baumeisters Tätigkeit ist also im besten Sinne alchemistisches Handwerk - ist Wissenschaft von den ersten und letzten Dingen des Daseins und demiurgische Technik des Transfers, der Transformation. (Wir sprachen von anderen, a-historischen Wissenschaften, zu nennen wäre die Alchemie, die eine Tradition, aber keine Geschichte hat, mit Blake und Austin Osman Spare als ihren Vertretern.)Also Einblick in die Ordnung der Dinge und Neuordnung des Blicks auf die Dinge. Erinnert sei hier an die nahezu mathematische Präzision des frühen Selbstporträts. Die geglückte aber unglückliche Umkehr der Quadratur des Kreises - Die Überführung der Sanftheit des organischen Chaos in die kubische Kälte der Stellvertretung. Der Mensch und seine Maße.Eine kreative Soziometrie - Der Mensch als Maß seiner selbst!Wie plastisch aber ist das Soziale? Welche Ausmaße nimmt die Anomie an? Das Deviante, das Andere, das Fremde spielen im Werk von Jennifer Baumeister eine große Rolle - aber es gerät nicht zum Monströsitätenkabinett. Im Gegenteil und aus zwei Gründen:Den Weg in die mediale Forensik und digitale Urologie haben Schocktaktiker der 60 -80er Jahre und noch ältere Taburäumungsbrigaden des Kunstbetriebs planiert und gefliest - ihn nicht zu beschreiten kommt einer Verweigerung gleich und kann Marktanteile kosten. Die Künstlerin ist mutig und stilsicher, sie ist zu erfahren und integer, um auf Effekt und Wertheckung zu setzen. Ihre Forschungen zielen auf einen Bereich unterhalb der Täter-Opfer-Mechanik und jenseits von Schuld und Sühne-Diskussionen. Im Diesseits, im Herrschaftsbereich von Traumatisierung, Im Reich der Kinder-Verwahrlosung (siehe die Arbeit: "Traumkind"), der Seniorenendlagerung (siehe die Arbeit: "Heim"), im Reich der Untröstlichen, der Ungetrösteten, der Todeskandidaten (siehe die Arbeit: "Death Rows") verleiht sie durch Stellvertretung dem Leiden ein Gesicht.Dass ihr das gelingt ist Ausweis ihrer Beharrlichkeit und ihrer künstlerischen Sicherheit. Der Künstler und Kunstkenner Horst Danzer bemerkt in diesem Zusammenhang die Reduktion auf wenige gestalthafte Bildelemente. Gemeint ist hier die Beschränkung, das Ausschalten von Vielerlei und die damit mögliche Eröffnung eines meditativen Blickes auf das, was im Eingeschränkten vor sich gehen kann. Dazu tragen die klaren Kompositionslinien bei; ein weicher, zügiger Pinselduktus der Gefühle verstärkt und - so Danzer: Malerei als Malerei betont.Die Vorgehensweise Baumeisters ist modern aber nicht modisch: Die Idee der Figuration (für die Pop-Künstler wie Hamilton stehen aber auch Berliner Maler wie Middendorff und Fetting) und die Form eines neuen Expressionismus lassen erkennen, dass Baumeister die Tradition kennt und um die Geschichte weiß.Die Künstlerin spielt mit vermeintlich offenen Karten ein hintergründiges Spiel mit dem Betrachter: Der Einblick in die technische Apparatur soll den Blick in die Thematik freimachen - der Betrachter ist aber immer Teil einer komplexen Inszenierung und in trostreichen Momenten wird er sich selbst als Gegenstand und Thema wiederfinden. Dafür gehört Jennifer Baumeister unser Dank und unsere Anerkennung.

Maik Mucha, Bochum

Rede zur Ausstellung
Keine Blumen keine Tiere
19.10.2006 bis 26.11.2006