Jennifer Baumeister

zurück
Home

Offen für Ambivalenz
Die Arbeit von Jennifer Baumeister

Jennifer Baumeister vermittelt ihre Themen und Interessen in einer Weise, die für ihr Publikum sowohl herausfordernd als auch provokativ sein können; ihr Werk beschäftigt uns auf verschiedenen Ebenen - mal sehr ernst und persönlich ansprechend, aber auch durchaus humorvoll.

Aufgrund ihres Studiums der Bildhauerei ist Baumeister in der Lage, mittels einer großen Anzahl verschiedener Techniken ihre Ideen zu übermitteln; so verbindet sie bisweilen traditionell bildhauerische Elemente mit Computertechnik für komplexe Installationsstücke und macht dann wieder Kurzfilme. Ihre Arbeiten sprechen stets mehrere Sinne an: Ton, Raum, Licht sowie Berührung spielen eine große Rolle. Indem sie soziologische, psychologische, philosophische und technologische Aspekte erforscht, erregt Baumeister die Aufmerksamkeit des Betrachters mit einer Raffinesse, die allzu häufig in der zeitgenössischen Kunst fehlt. Bei näherer Betrachtung von Baumeisters Arbeiten tauchen mehrere Themen auf, die zu verschmelzen scheinen: Oft handelt es sich um ein Zusammenspiel zwischen der persönlichen und politischen Atmosphäre oder Situation, in der wir leben. Ein wiederkehrendes Motiv oder Thema ist die ernsthafte Auseinandersetzung mit emotionaler und mentaler Gesundheit, welche in jedem von Baumeisters Werken auf die eine oder andere Art untersucht worden ist: sowohl in früheren Arbeiten wie Trauma (2000) und Traumkind (2001) oder dem Film Schattenprinzessin (2002) als auch in neueren Werken wie Heim, Hotel (2003) und nun Comfort XxL (2004).

Ein weiteres Element vieler ihrer Arbeiten ist der Einbezug einer scheinbar humoristischen Seite, welche jedoch, je länger wir uns mit dem Werk auseinandersetzen, zu verfliegen scheint. Am deutlichsten wird dies womöglich bei Hotel (2003). Dieser Sinn für Humor ermöglicht es Baumeister, die Aufmerksamkeit des Zuschauers zu erlangen bevor er darüber nachdenkt und sich fragt, was er da eben gesehen hat. Baumeisters Arbeiten verlangen eine beträchtliche Vorlaufzeit aufgrund der erforderlichen Recherche. Jedem ihrer Werke liegt eine intensive Periode der Nachforschung, des Designs und der akribischen Planung zugrunde.

Eine ihrer früheren Arbeiten, Trauma (2000), ist eine Installation, in welcher der Betrachter eine Reihe ausdruckslose, in projizierte Bilder "gekleidete" Figuren erblickt. Dazu läuft ein mehrsprachiger Soundtrack: eine internationale Statistik posttraumatischer Belastungsstörungen, ein Syndrom, welches häufig von Überlebenden lebensbedrohlicher Ereignisse, von Krieg bis zu häuslicher Gewalt, erfahren wird. Die Arbeit ruft eine unbehagliche Atmosphäre hervor, ein Element, welches in vielen Arbeiten der Künstlerin eine erhebliche Rolle spielt.

Comfort XxL (2004), die jüngste Arbeit, integriert ebenso eine humorvolle Seite in eine ernste und profunde Sicht auf postmodernes Leben. Während die westliche Kultur immer mehr von Technik beherrscht wird, um jeden möglichen Wunsch zu erfüllen, führt dieser scheinbar unaufhaltsame "Vorteil" gleichzeitig dazu, daß der Mensch immer isolierter lebt - ein Leben ohne "menschliche Kontakte", welche so essentiell für unser Wohlbefinden sind. Die Comfort XxL-Maschine stellt paradoxerweise eine virtuelle menschliche Beziehung zur Verfügung, während sie gleichzeitig deren Mangel in der Realität unterstreicht. Die Maschine, wie hilfreich sie auch sein mag, macht dem Benutzer in jedem Fall bewußt, was fehlt: nämlich die Wechselwirkung eines wirklichen Gesprächs mit einer realen Person. Wo auch immer Comfort XxL in der Öffentlichkeit gezeigt wurde (an Busbahnhöfen, in Schulen, auf Polizeirevieren, in Krankenhäusern etc.), bildeten sich Schlangen - sowohl ein Beweis für unseren Bedarf an Trost als auch für unser Interesse an neuen Maschinen (arbeitssparenden Techniken?), und was sie möglicherweise bieten können.

Indem Jennifer Baumeister sowohl stimulierende als auch provozierende, ernsthafte sowie humorvolle Werke schafft, die das Paradoxe des Lebens zu Beginn des 21. Jahrhunderts untersuchen, lädt sie ihr Publikum ein, die Welt zu erfahren, über sie nachzudenken und sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Baumeisters Publikum ist aktiver Teilnehmer, wird eher Schöpfer eigener Deutungen als passiver Beobachter. Es bekommt die Möglichkeit, sich gegenüber dem Werk zu öffnen und eigene Erfahrungen zu entwerfen. Haften bleibt die Erinnerung an die Interaktion mit einer Künstlerin und ihrem jeweiligem Werk.

Rebekah Guthrie
August 2005
London.

Rebekah Guthrie ist praktizierende Psychotherapeutin und Absolventin der Kunstakademie. Sie schreibt seit 8 Jahren Kritiken zu zeitgenössischer Kunst, u.a. für das "City Life" Magazin (2000-2002).