Jennifer Baumeister

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Zwischen Trost und Entsetzen
Zu den Arbeiten von Jennifer Baumeister

Was würden Sie sagen, wenn Sie jemanden trösten müßten, der Ihnen wichtig ist, von dem Sie nicht genau wissen, was ihm fehlt - und das alles auch noch in eine Kamera hinein?

Nach einigem Zögern und kurzem Überlegen würden Sie vielleicht Dinge sagen wie "ist nicht so schlimm" oder "das geht vorbei". Sie würden eventuell etwas aus Ihrem Leben erzählen oder sogar ein Lied singen - vielleicht aber auch nur freundlich in die Kamera lächeln. Diese Beispiele sind sämtlich tatsächliche Reaktionen von freiwilligen Tröstern, welche die Berliner Künstlerin Jennifer Baumeister in ihrer jüngsten Arbeit Comfort XxL - der Trostautomat aufgenommen und in ihren Automaten eingespeist hat. Der Computer, der das Herz des Automaten bildet, beherbergt mehrere hundert einminütige Videos von Tröstenden, die für den Benutzer auf Knopfdruck per Zufallsprinzip abgespielt werden. Gewählt werden kann zwischen tröstenden Männern, Frauen und Kindern - und in einer künftigen Version auch zwischen den bisher aufgenommenen Sprachen des Automaten - deutsch, ungarisch, und demnächst auch englisch und weitere Sprachen.

Zwischenmenschliches öffentlich machen, es dabei aber nicht zur Schau zu stellen - das ist ein deutliches Leitmotiv in Jennifer Baumeisters Arbeiten der letzten Jahre. Ob es sich um Kindesmißbrauch oder Einsamkeit im Alter handelt, ob der Betrachter schockiert oder gerührt werden soll, Baumeister gelingt es immer, ihr Anliegen in einer schonungslosen Offen- und Direktheit zu vermitteln.

Das Soziale liegt ihr am Herzen, die Höhen und Abgründe menschlicher Beziehungen möchte sie mit großer Neugier zur Untersuchung beleuchten. Den Zuschauer (miß)braucht sie dabei einerseits als Komplizen, der diese Forschungen mit ihr bestreitet, aber auch als unbedarftes Opfer, welches den Entdeckungen der Künstlerin bzw. der von ihr vermittelten Inhalte auf einem unvorhersehbaren Terrain mehr oder weniger ausgeliefert ist.

Es hängt dabei vom Thema ab, inwieweit Baumeisters Arbeiten den Betrachter erschrecken oder erfreuen. So legt es Baumeister in ihrer Installation Traumkind (2001) darauf an, den Betrachter durch eine simple wie schmerzhafte künstlerische Annäherung an die Opferperspektive mit dem Verbrechen des Kindesmißbrauchs zu konfrontieren. In dem Werk Heim (2003) herrschen hingegen Stille und Besinnlichkeit vor, die der entschleunigten Welt der interviewten Altersheimbewohnerinnen entsprechen. Mit dieser themenbezogenen Sensibilität gelingt es Jennifer Baumeister in ihren Arbeiten, auf den Nerv eines Themas, den Nerv der von ihr einbezogenen Akteure und den des Betrachters zu zielen.

Ein Großteil ihrer künstlerischen Treffsicherheit gründet sich in ihrer Vorliebe für eine möglichst gelungene technische Umsetzung ihrer Projekte. Dabei scheut sie nicht vor handwerklichen, mechanischen oder elektronischen Hindernissen zurück - die multimedialen Möglichkeiten, die Künstlern heute zur Verfügung stehen, setzt sie so vielfältig und professionell wie möglich ein. Ton-, Licht-, Film- und die vorigen vereinenden Computertechniken werden von Jennifer Baumeister so lange an den Arbeiten ausprobiert, bis sich die Künstlerin in die Materie vollständig eingearbeitet hat und sich der gewünschte Effekt auch noch nach dem x-ten Ein- und Ausschalten bewährt. Und gut aussehen muss so eine Installation auch noch. In der Ästhetik ihrer Werke manifestiert sich Baumeisters Anspruch an Professionalität sehr deutlich, und in diesem Zusammenhang sind gerade ihre jüngsten Projekte Heim und Comfort XxL hervorzuheben, die durch ihre große inhaltliche und äußerliche Stimmigkeit überzeugen.

Es bleibt die abschließende Frage, ob Jennifer Baumeister in ihren jüngsten Arbeiten einen charakteristischen "Stil" gefunden hat und diesen weiterentwickeln wird. In den "sozialinterventionistischen Kunstpraxen" der Public Art1 scheint sie sich jedenfalls gut behaupten zu können.

Aber die gelernte Bildhauerin ist experimentierfreudig genug, demnächst neue Thematiken, Projekte und künstlerische Ausdrucksformen in Angriff zu nehmen. Auch in Zukunft wird es Jennifer Baumeister gelingen, ihr Publikum anspruchsvoll herauszufordern und gleichermaßen zu faszinieren.

Axel Halling
Robert Bosch Kulturmanager im Lenau-Haus
Juli 2005; Pécs, Ungarn